Wirklichkeitsagenturen unserer Schlafplatzierungen

 

 

 

 

Rollkartei mit Aphorismen zum Schlaf
(Detail)
Wirklichkeitsagenturen unserer Schlafplatzierungen

 

 

 

 

 

Momentan befasst sie sich eingehend mit dem Schlaf. Wer glaubt, die Nachtruhe sei schnell ergründet, irrt. Auch das Thema Flucht spielt zum Beispiel für Carr mit hinein. Die aufgebürdete Passivität, das Warten auf die mögliche Anerkennung als AsylbewerberIn. Die 25-Jährige weiß, wovon sie spricht: Seit drei Jahren hat sie nun eine Frau während ihres Asylverfahrens begleitet, ihre Höhen und Tiefen erfahren. Eine psychische Achterbahnfahrt für die Betroffene.
Sabine Bader: Der Schlaf als Kunstwerk, Süddeutsche Zeitung 2016

 

‘Wirklichkeitsagenturen unserer Schlafplatzierungen’ – ein fast sperriger Titel für die spannende Installation, die im März als 63. Kunstwerk des Monats im Berger Katharina von Bora-Haus zu sehen ist. Die Eröffnungsgäste standen staunend vor dem Kunstwerk, betrachteten den an der Wand klebenden Schlafsack, die Schlafbrillen, das kleine Karussel mit Betten in Konservendosengröße und blätterten die Kärtchen der Rollkartei durch, die Begriffe und Aussagen zum Schlaf sammelten. Der Künstlerin geht es um Begrifflichkeiten wie ‘Schlaf’, ‘Verwaltung’ und ‘Optimierung’. Aktuellster Bezug ist wohl die Unterkunftssituation Geflüchteter. ‘Diese Menschen sind mit einer Schlafplatzverwaltung konfrontiert, für sie ist ein Schlafsack eine mobile Notunterkunft, für uns ist es eine Abenteuer-Requisite.’ Die Gesellschaftskritik, die sie mit ihrer Installation übt, verdeutlichte die Lesung ihres Kommolitonen Daniel Door. Der Ausschnitt aus Hans-Christian Danys Buch ‘Schneller als die Sonne: Aus dem rasenden Stillstand in eine unbekannte Zukunft’ schilderte das sterile, aber optimierte Schlafverhalten der Zukunft. ‘Verlieren wir die Kontrolle, wenn wir verschlafen?’ fragt die Künstlerin. In ihrer Generation würde kaum mehr etwas mit den Händen geschaffen, vielmehr sei man pausenlos gefordert mit der Flut an Informationen fertig zu werden. Nur im Schlaf würde das Digitale ausgeblendet.
Susanne Bayer: Notunterkunft und Abenteuer-Requisite, Starnberger Merkur 2016