Ortsbeschwimmung

Alltagsbühne Badeanstalt
Eine Ortsbeschwimmung

Badehaus Sargfabrik Wien | 2018

 

In Sehbädern verkehren Sehleute wie du.
Sie schauen das bunte Badeleben, ergötzen sich an ihm wie in einer weiteren Institution der Unterhaltungsindustrie. An einem Abend im nasskalten Monat November bist du in eine warme Parallelwelt eingeladen, in der das Schaubad zum Schaumbad wird und Reales mit künstlicher Baderomantik verschwimmt.
So wanderst du in Schwimmkleidung durch eine Performance- und Wasserlandschaft und findest dich in einem blubberndem See wieder. Wie alle Menschen suchst du auch nach Erholung und Entspannung, aber stell dir vor, du tust das in einer Umgebung, die unglaublich unwirtlich wirkt. Das Ufer des Salzsees ist ungepflegt und geprägt von heruntergekommener Industriearchitektur. Durch riesige Rohre fließen Chemikalien ins Wasser und bilden wenig appetitliche Schauminseln.
Auf der Alltagsbühne Badeanstalt treffen deine Vorstellungsbilder auf die Projektionsfläche Schwimmbad. In der historisch gewachsenen Fülle an Wiener Bädern macht das halböffentliche Badehaus in der ehemaligen Sargfabrik Maschner & Söhne im 14. Wiener Bezirk allen für eine Ortsbeschwimmung auf. Stufen führen zu einem versteckten Ort hinunter, in Grün-Blaues unweit vom urbanen Rauschen.
Dein Handy ist ein Pool. Halte es horizontal, die spiegelnde Oberfläche ist zum Eintauchen da.
Die Performance spielt damit, sich alleine inmitten von vielen durch Gesellschaftsorte mit Wasser zu bewegen und setzt das Publikum dem Widerspruch der Gefühle von Geborgenheit und Unheimlichkeit aus. In der, das ganze Bad umfassenden Schau, fragt sich Elena Carr mit und über ihre PerformerInnen nach der Notwendigkeit von Einzelkabinenarchitekturen und Wellnessangeboten.

 

 

“Erster Eindruck: Ok. Ich komme zurecht. Soll ich die blauhaarige Maskenfrau ansprechen? Ich lasse es, weil ich keine Idee habe, was ich sagen soll. Die Handys, die im hohen Bogen ins Becken fliegen: Kann das sein? Geht ihr so weit? Ist da jetzt mein Telefon dabei? Kurzes Innehalten: Nein, so weit geht ihr sicher nicht. Aber ihr habt mich aus der Reserve gelockt. Mein Handy ist mir nicht egal, vor allem wegen der vielen Bilder, die ich nicht verlieren will. Offensichtlich brauche ich ein Telefon als Seh-Hilfe. Die nächste Erfahrung: Ich finde Fußpilz nicht eklig, eigentlich finde ich überhaupt nur ganz wenig eklig, und da geht auch kein Kopf-Kino los. Unangenehm finde ich die Situation auf der Liege mit schwingenden Füßen trotzdem. Ich weiß nicht so recht, was ich sagen soll, und entscheide mich für die Flucht nach vorne. Hinterher hätte ich lieber weniger gesagt, vor allem, weil die Kamera mitläuft. Attacke auf meine Intimsphäre gelungen, aber anders als ich dachte. Ganz anders in der Sauna. Schweißnasse Haut reibt sich an schweißnasser Haut im übergroßen T-Shirt: Macht mir gar nichts aus, ich finde es sogar angenehm. Erotische Gefühle stellen sich nicht ein, worüber ich recht froh bin. Diese Blöße hätte ich mir nur ungerne gegeben. Die Schwimmhaut-Latexhandschuhe erinnern mich an blutverschmierte Hände – ohne dass ich ein konkretes Bild vor Augen hätte. Wie ein Fisch in der Ursuppe fühle ich mich jedenfalls nicht. Und da wäre noch die brutale Schaulust: Die Geschichte von dem Berliner Restaurant mit dem Aquarium und den Badenixen ist mir neu, eine nette Geschichte zum Weitererzählen. Aber ich merke, dass ich der Nacktheit der anderen etwas abgewinnen kann, so wird die Badeanstalt für mich zum Schau-Aquarium, und ich mittendrin. So ist das also.”
Florian, Badegast

 


 

 

Konzept u. künstlerische Leitung Elena Carr
Regie- u. Produktionsassistenz Franz Schindler
DarstellerInnen Anna Sophie Adelt, Kitti Asztalos, Elena Carr, Christa Durun, Daniela Fessl, Aurelia van Kempen, Kilian Klapper, Johannes Krenner, Caroline Schindler, Franz Schindler, Lea Wilsdorf
Choreographie Synchronschwimmen Adél Horvath
SynchronschwimmerInnen Jonas Beutlhauser, Elena Carr, Aurelia van Kempen, Johannes Krenner, Franz Schindler
Ausstattung Elena Carr mit Franz Schindler, Lea Wilsdorf
Schneiderinnen Anna Sophie Adelt, Conny Laaber, Theresia Schindler
Off-Stimme Franz Schindler
Soundbearbeitung Off-Stimme Oskar Kozeluh
Videonachricht Stefanie Sargnagel
Kamera, Schnitt minthe Produktion
Photografie Klemens Kohlweis, Daniel Rajcsanyi